Im Dezember 2020: Immaterielles Kulturerbe – gestern, heute, morgen

Vielversprechende Online-Fachberatung über Kulturerbe

Was ist immatereielles Kulturerbe? Warum versteht die UNESCO diesen Begriff dynamisch? Warum werden in den staatlichen UNESCO-Verzeichnissen nur Traditionen aufgenommen, die wenigstens drei Generationen zurückreichen? Welche Bedeutung hat dieser Prozess der Anerkennng von immateriellem Kulturerbe für die Demokratisierung Europas und die Anerkennung der Vielfalt der Bevölkerung?

 

Über diese Themen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Online-Fachberatung unter der Ägide der Österreichischen UNESCO-Kommission am 3. Dezember 2020. Zur Diskussion lud die Wiener Kulturinitiative »Brunnenpassage«; ursprünglich hätten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer live in Wien treffen sollen, aber das Virus verdrängte das Treffen ins Web.

Die Veranstaltung litt jedoch nicht darunter! Es nahmen Menschen aus ganz Österreich teil, bis nach Vorarlberg, aber auch aus Bayern und sogar aus Paris.

Anne Wiederhold-Daryanavard begrüßte im Namen der Kulturinitiative »Brunnenpassage« die Teilnehmenden.

Djamila Grandits (CineCollectiv) leitete die anspruchsvolle Diskussion großartig und unterstrich, dass die Vielfalt der Bevölkerung in Europa eine Tatsache ist, die aber von vielen nicht anerkannt wird. Es müssen Wege zu gegenseitigem Achtung und Anerkennung gefunden werden.

Helena Drobna (Regional Officer UNESCO, Paris) hob die Bedeutung der 2003 verabschiedeten Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes hervor. Die Staaten Europas haben sich darin verpflichtet, jeder auf seine Weise zur Realisierung der Konvention beizutragen, Finnland z. B. dadurch, dass es das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Wikipedia-Form gestaltet. All das fördert die Demokratisierung.

Cristina Biasetto, Referentin für das immaterielle Kulturerbe bei der Österreichischen UNESCO-Kommission, betonte die Bedeutung staatlicher Verzeichnisse, da auf diese Weise unsichtbare Praxen für die Öffentlichkeit sichtbar werden, denn sie stärken das Bewusstsein und dokumentieren auf einfache Weise die gesellschaftliche Realität. Maria Walcher, Mitglied des Fachbeirats für das Immaterielle Kulturerbe bei der Österreichischen UNESCO-Kommission, unterstrich den neuen Standpunkt zu den Traditionen, denn es gehe nicht um eine verknöcherte Sichtweise auf die Erhaltung, sondern um die Berücksichtigung von Veränderungen und die dynamische Vermittlung an neue Generationen sowie die Einbindung von Bildungsinstitutionen.

Den besten Eindruck erhält man, wenn man sich die zweieinhalbstündige Diskussion im Web ansieht:

https://www.youtube.com/watch?v=9ZaCf2x_wXE

Interessante Fachbeiträge waren zu hören.

Asma Aida, eine Künstlerin, die bei der Initiative »Salam Oida« mitarbeitet, beschrieb das Schickal von Jugendlichen aus Immigratenfamilien, die zwar Teil dieses Staates sind, die aber mit der Kultur der Eltern und dem aktuellen Leben in Österreich verbunden sind. Es gehe ihnen um wechselseitige Vernetzung, um Sichtbarkeit, sie sind gegen das »Verstecken« der Herkunft und die diesbezügliche Schamhaftigkeit.

Marko Kölbl, Ethnomusikologe, stellte im Namen der Kulturna inicjativa Stinjaki – Kulturinitiative Stinatz am Beispiel der »Stinatzer Hochzeit – Stinjačka svadba« die Bedeutung der Erhaltung von mündlicher Überlieferung, von sprachlichen Eigenheiten, von Tanzelementen und handwerklichen Fähigkeiten (Tracht) dar.

Martina Piko-Rustia (Slowenisches Volkskundeinstitut Urban Jarnik) stellte die Erhaltung slowenischer Flur- und Hausnamen in Kärnten als Resultat der guten Zusammenarbeit von lokalen Kultur- und Wissenschaftsträgern vor. Das immaterielle Erbe der Namen präsentierte sie als gemeinsames Erbe deutsch- und slowenischsprachiger Kärntner. Dabei hob sie die wichtige Rolle der UNESCO herovr, die das Verständnis für die kulturellen Eigenheiten von Regionen fördert. Die kreative Vermittlung dieser Eigenheiten an neue Generationen mit Schul- und Kulturprojekten ist ein wesentlicher Beitrag zur Erhaltung.

Die Künstlerin und Schauspielerin Simonida Selimović hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verborgene Sprache der Roma bewusst auf der Bühne zu zelebrieren. Die Roma wurden dazu erzogen, die Sprache nur heimlich zu sprechen, nur in der eigenen Gruppe. Es ist ihr gelungen, in dieser verhöhnten Sprache Theaterstücke zu schreiben und zu inszenieren und so den Sprechern Stimme und Selbstbewusstsein zu geben.

Die Diskussion im Anschluss an die Fachbeiträge war lebhaft und eröffnete neue Fragen (was ist mit der Tradition der »Migranten«?).

Maria Walcher meinte nach der Diskussion, das Engagement der Diskussionsteilnehmenden habe sie begeistert. Sie habe gespürt, dass für alle Teilnehmenden die Arbeit für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes eine Herzensangelegenheit ist. Die Fachberatung stelle einen gewissen Einschnitt dar, denn in den zehn Jahren, seit das jährliche UNESCO-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes veröffentlicht wird, habe es eine derartige öffentliche Diskussion nicht gegeben. Also, ein guter Anfang! Es gilt, weiterzumachen!

v.w.

 

 

 

Link zur Online-Diskussion